„Now or Never“ - Klassenorchester und Jazz-Combo begeistern mit musikalischer Vielfalt

„Einen 5/4-Takt in drei verschiedenen rhythmischen Aufteilungen gleichzeitig darzustellen, erfordert schon enormes musikalisches Können.“ Achim Fessler, Fachberater Musik am Regierungspräsidium Karlsruhe und Lehrkraft am Gymnasium Hohenbaden für Musik macht die Zuhörer gespannt auf das nächste Stück „1-2-5“, das die Klasse 6b im gemischt besetzten Klassenorchester gleich zu Gehör bringt. Und tatsächlich: Der filigrane Klang, die geschickte Instrumentierung und die sichere Ausführung lassen die unterschiedlichen Verarbeitungen dieser komplizierten metrischen Struktur plastisch werden. Als die Sechstklässler dann auch noch eine „Zirkusmusik“ - übrigens: in erstaunlich schnellem Tempo - spielen, in der es insofern „rund“ geht, als sich ein 6/8-Takt mit einem 3/4-Takt abwechseln, ist der Bezug zum Musikunterricht, innerhalb dessen all diese Stücke einstudiert worden sind, schnell hergestellt: „Wenn wir uns nun einem Werk von Strawinsky analytisch nähern, werden wir feststellen, dass er genau mit diesen rhythmisch-metrischen Mitteln arbeitet. Und wenn man solche Arten von Musik schon selbst gespielt hat, erkennen die Schüler das später auch bei anderen Komponisten.“

Das gemischt besetzte Klassenorchester gibt es am Gymnasium Hohenbaden seit 2001. Die Schule hat das Prinzip zu einem eigenen Hohenbadener Klassenorchester-Modell weiterentwickelt: Nicht nur die Klassen 5 und 6, sondern auch die Folgeklassen bis zum Abiturjahrgang beschäftigen sich aktiv musizierend mit den unterschiedlichsten musikalischen Stilen. Handlungsorientierung fordert auch der Bildungsplan und die Vernetzung der Klassenorchester-Arbeit mit den Unterrichtsinhalten bedeuten mehrere Synergie-Effekte: Neben der Entwicklung von musikalischen Kompetenzen kommt es zur Ausprägung sekundärer Qualifikationen, die dann auch anderen Fächern zur Verfügung stehen: Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Rücksichtnahme und Eigenverantwortung sind nur einige davon. Musik wird so zum Basisfach für alle Fächer.
Bereits im Jahr 2007 ist das Modell mit einem ersten Bundespreis prämiert worden.

Den Freitagabend eröffnet die Klasse 5b, indem sie singend „die Puppen tanzen“ lässt. Mit dem „Ein-Ton-Boogie“ (dem nur vermeintlich leichten Anfangsstück im Klassenorchester-Spiel, bei dem man schon alle Grundfähigkeiten im Umgang mit Instrumentarium und Partitur beherrschen muss), „1-2-3“, „Frage und Antwort“ und dem mit fernöstlichen Klängen angereicherten „Asia“ zeigen die Schülerinnen und Schüler, dass sie bereits nach einem halben Jahr im Gymnasium Fuß gefasst haben und sicher miteinander musikalisch kommunizieren.
Die schon erwähnte Klasse 6b fügt mit „Sunny“ noch einen Evergreen aus den 1960er Jahren an.
Nun folgt die Klasse 10a und Fessler erläutert die Herausforderungen dieser Klassenstufe: „Wir haben hier eine besonders große Heterogenität zu bewältigen, die sich aus Schülern, die nur den halbjährigen Mittelstufenunterricht in Musik absolviert haben, wodurch natürlich auch wieder einiges in Vergessenheit gerät, was man bereits gelernt gehabt hat und Schülern, die privat ein Musikinstrument erlernen und deshalb über einen viel reicheren Erfahrungsschatz verfügen, ergibt.“ Mit „Blue Train“ von John Coltrane und „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock kann man aber feststellen, dass auch diese Konstellation zu beeindruckenden musikalischen Ergebnissen führt. Insbesondere die Improvisationen fügen dem Klassenmusizieren eine besondere Note bei.

„Das Klassenorchester ist die Keimzelle auch für unsere Musik-AGs“, leitet Fessler zum zweiten Teil des Abends über, den die Jazz-Combo des Gymnasiums Hohenbaden bestreitet. Mit Nils Gessingers „Double Threat“, einem mitreißenden Funk-Soul-Stück, marschiert die Band, angeführt vom Percussionisten und „Sound-Designer“ Leopold Faude, auf die Bühne. Antonio Carlos Jobims Klassiker „One Note Samba“ stellte das Gesangsquartett der Combo vor, das mit hoher Virtuosität dem schnellen Samba-Tempo Tribut zollt. Beeindruckend ist auch das Scat-Solo Leonie Schindlers, die mit Einfallsreichtum und Leichtigkeit Ella Fitzgeralds Epoche wiederaufleben lässt.
Michael Jacksons „Man in the Mirror“ und die von Luca Fritsch auf der Cajon begleitete „Blackbird“-Fassung der Beatles zeigen, dass die Band weit mehr als „nur“ Jazz spielen kann. Stings „Sister Moon“, mit dem herausragenden Solo Pascale Feiertags am Alt-Saxophon, bedeutet einen intensiven Ruhepol im Programm, bevor mit „Seven Steps to Heaven“ Sophia Glöckle (Klarinette) und Kira Kölmel (Flöte) improvisatorisch glänzen.
Die Combo hat auch Sinn für musikalische Comedy. Das beweist die Wise Guys-Adaption „Alter, lach‘ doch mal“, bei der Emilia Buschbeck, Theresa Brückmann und Leonie Schindler ihren Gesangskollegen Jakob Kolmeigner, der sich aufs Beatboxing besinnt, vergeblich becircen, aus seiner ernsten Rolle mal herauszutreten.
Mit dem Song „Now or Never“ der „New York Voices“, der dem Konzert den Titel gibt, ist noch mal die ganze Qualität der Band gefordert: Ein 6/4-Takt wechselt mit einem 5/4-Takt und 4/4-Takt, der Gesangspart ist in „close harmony“-Manier, also in sehr engem musikalischen Satz, geschrieben, der die Gesangsstimmen miteinander verschmelzen lässt. Die Instrumentalisten haben zwischen Funk- und Samba-Stil zu wechseln. „Wir spielen das Original-Arrangement, da müssen wir höllisch aufpassen, dass wir alle Klippen umschiffen, aber wenn‘s klappt, grooved‘s unglaublich“, kündigte Fessler das Finale an. Der begeisterte Zuschauerapplaus zeugt auch hier vom hohen Gelingen.

Fessler musiziert an diesem Abend mit 80 Schülerinnen und Schülern der Schule und unterstreicht damit die Bandbreite und die Bedeutung der Musik am Gymnasium Hohenbaden auf, die auch Schulleiter Jürgen Kempf bestätigt. „Musik wird auch weiterhin eine große Rolle an unserer Schule spielen.“
Gewinner dieser Konzeption sind alle SchülerInnen der Schule. Begünstigte der Spenden des Konzerts ist übrigens Olivia Trummer, eine hochtalentierte junge Jazz-Pianistin, die die Baden-Badener schon im Festspielhaus mit einer unglaublich vielseitigen Improvisation mit Bobby McFerrin erleben konnten. Ihr neues New-York-CD-Projekt, das sie allein finanzieren muss, soll durch das Konzert Unterstützung erfahren. Frau Trummer wird zur Spendenübergabe anreisen, mit der Jazz-Combo der Schule in einer öffentlichen Probe arbeiten und von ihrem CD-Projekt berichten. Der Termin wird rechtzeitig unter www.gymnasium-hohenbaden.de bekannt gegeben.


Kurzhinweis
Konzert „Now or Never“ - Von der Notation zur Improvisation
Klassenorchester der Klassen 5b, 6b und 10a
Jazz-Combo des Gymnasiums Hohenbaden
Freitag, 15. März 2013, 19 Uhr, Aula des Gymnasiums

Achim Fessler
Studiendirektor
Fachberater Musik am Regierungspräsidium Karlsruhe
Lehrkraft für Musik und Deutsch am Gymnasium Hohenbaden, Baden-Baden