Ist ein „Burger“ koscher?

Israelische Schüler aus Hadera zu Gast am Gymnasium Hohenbaden

Wie erklärt man einem Israeli, wer der Deutsche Michel oder ein Süßer Heinrich sind? Wie kann man ihnen die deutsche Kultur, aber auch unsere Geschichte nahe bringen, ohne dass sie sich langweilen, schließlich gehören sie bereits einer Generation an, die den Holocaust und die Zeit der Judenverfolgung genau wie wir nur aus Geschichtsbüchern kennt. Zwölf israelische Schüler und zwei ihrer Lehrer kamen im Rahmen des Schüleraustausches zwischen dem Gymnasium Hohenbaden und der Highschool Tichon Hadera, um Deutschland kennen zu lernen.

Der Schüleraustausch besteht bereits seit 1995, möglich gemacht durch das Engagement der Religionslehrer Peter Galli und Anja Rieger-Vogt und durch die Unterstützung von Barbara Hoffs, der Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Baden-Baden. Im Juli vergangenen Jahres machten sich die deutschen Schüler auf, das Heilige Land zu erkunden, nun waren die Israelis an der Reihe, Aprilwetter zu erleben, deutsche Weißwürste mit Brezeln zu essen, Schäferhunde zu streicheln und Gartenzwerge anzuschauen. Eben die deutsche Kultur kennen zu lernen.

Bei der Ankunft in Frankfurt

Angekommen sind die Israelis am Ostersamstag, also während ihres Pessachfestes. Das Pessachfest gehört zu den höchsten Festen des Judentums. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also an die Befreiung der Israelis aus der Sklaverei, mit der sie als eigenständiges Volk in die Geschichte eintraten. Das Pessachfest beginnt traditionell am Abend des ersten Frühlingsvollmonds und dauert sieben Tage, in denen nichts Gesäuertes gegessen werden darf und der Haushalt ordentlich umgeräumt wird. So deckten sich also die deutschen Gastfamilien reichlich mit ungesäuertem Brot, so genannten Mazzen, ein. Dann stellte sich aber heraus, dass sie Israelis eigentlich gar keinen großen Wert auf diesen religiösen Brauch legten und viel lieber der globalen Fast-Food-Kultur frönten. Wo wir allerdings schon beim nächsten Problem wären: Burger sind nicht koscher! Und auf koscheres Essen wurde dann unter den Jugendlichen schon mehr Wert gelegt. Streng genommen bedeutet koscheres Essen den Verzicht von Tieren, die in der Tora verboten sind, beispielsweise Schweinefleisch oder Meeresfrüchte. Und wenn Fleisch gegessen werden darf, dann nur welches, das geschächtet wurde. Mit Milchigem dürfen Fleischprodukte schon gar nicht zusammen gegessen werden, und genau diese Tatsache führte dazu, dass die Burger eben ohne Käse bestellt wurden und die Pizza ohne Salami – alles kein Ding der Unmöglichkeit.

Über die Osterfeiertage wurde das Programm durch die Gastfamilien gestaltet, nur was will man bei Regen am Mummelsee oder im Schwarzwald. Oder warum sollte man mit ihnen in die Stadt gehen, wenn eh alle Geschäfte geschlossen haben? Dass Baden-Baden nicht gerade die Spaßmetropole für Jugendliche ist, war für uns nichts Neues, für die Israelis wohl schon. Aber um deren Erwartungen wenigstens ein bisschen gerecht zu werden, fuhren wir mit ihnen an den Mehliskopf, zeigten ihnen Schneereste, die für uns nur dreckig und matschig waren, für sie aber ein kleines Wunder, fuhren nach Karlsruhe, besichtigten Museen und machten abends die Stadt unsicher.

Gruppenphoto in Neckarzimmern

Umso mehr freuten wir uns aber auf den Drei-Tages-Trip, den wir alle zusammen unternommen haben. Los ging's im Landtag in Stuttgart, dann nach einer ausgiebigen Shoppingtour in der Stadt hoch zum Fernsehturm, weiter in ein Schullandheim nach Schönau. Dort gab es Natur pur, abends saß man am Lagerfeuer, sang Lieder und verbrachte die Zeit jenseits der Zivilisation. Und das, obwohl die israelische Jugend sich sonst bereits nach ein paar Stunden nichts sehnlicher wünscht als einen Computer mit Internetzugang.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Neckarzimmern, wo wir ein Mahnmal besichtigten, mit dem an die Deportation von über 5600 Juden aus 137 badischen Gemeinden in das französische Lager Gurs vor knapp 66 Jahren erinnert wird. Mehr als 60 katholische und evangelische Jugendgruppen sowie Schulklassen aus ganz Baden arbeiteten an dem Mahnmal, das im Prinzip aus einem großen, als Betonband in den Boden eingelassenen Davidstern besteht, auf dem die Projektgruppen individuell gestaltete Gedenksteine angebracht haben. Leider gibt es noch keinen Stein aus Baden-Baden, aber was nicht ist, muss eben noch werden!

Die Gruppe hielt eine kleine Zeremonie ab, bei der wir abwechselnd kurze Texte verlesen haben. So etwas Ähnliches haben wir bereits in Yad Vashem, dem größten Holocaustdenkmal der Welt, getan.

Gruppenphoto in Heidelberg

Anschließend besichtigten wir die Burg Hornberg, in der der berühmte Ritter Götz von Berlichingen 45 Jahre lang gelebt hat. In Heidelberg stand die Besichtigung des Schlosses und der Altstadt auf dem Programm. Den Abschluss des Tages genossen wir am Lagerfeuer bei frischem Stockbrot.

In Worms auf dem Jüdischen Friedhof

Nach einer Bootsfahrt auf dem Necker ging es nach Worms, wo das dortige Rashi-Haus, die Synagoge und die Besichtigung des Jüdischen Friedhofs Heiliger Sand, dem ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof in Europa, die Highlights waren.

Bei einem Tagesausflug nach Straßburg besuchte die Gruppe unter anderem den Europäischen Gerichtshof.

In Straßburg am Europäischen Gerichtshof

Am Samstag erfuhren die Israelis unter der kundigen Führung von Barbara Hoffs von der DIG in Baden-Baden bei einem Stadtrundgang Interessantes aus dem jüdischen Leben in Baden-Baden in Vergangenheit und Gegenwart.

Am Montag stehen noch der Besuch des Unterrichtes am Gymnasium Hohenbaden und an der Realschule, sowie ein Empfang im Rathaus auf dem Programm.

Alles in allem war das Programm zwar abwechslungsreich aber anstrengend. Weder historische, noch kulturelle oder politische Aspekte kamen zu kurz und vielleicht erzählen die israelischen Austauschschüler ihren Freunden Zuhause, was Föderalismus ist, wie frische Brezeln schmecken und dass man hier die Vergangenheit nicht vergessen hat. Als Fazit dieses intensiven Austausches lässt sich feststellen, dass die jungen Israelis uns keine Vorwürfe mehr machen und man sich als junger Deutscher nicht mehr schuldig fühlen muss. Jedenfalls in unserer Generation nicht. Denn dafür verstehen wir uns einfach zu gut! Es bleibt die Aufgabe, weiterhin daran zu arbeiten, dass sich der Holocaust nie wiederholen kann.

Mira Blickle (Klasse 13)